Weiter Himmel im Norden

Eine ordentliche Planung der Wanderfahrten ist im zweiten Jahr der Pandemie kaum möglich. Pandemiebedingt klappte es mit der klassischen Hanskalbsand-Tour im Sommer nicht. Aber etwas später ging es dann auf die Kieler Förde.


Als die ersten Lockerungen im März beschlossen wurden, ging es gleich mit der Wanderfahrtplanung los. Wir alle waren regelrecht ausgehungert, hatten wieder richtig Lust auf eine schöne Tour, wie wir sie ja kannten. Olaf hatte als Wanderruderwart unermüdlich Optimismus verbreitet und für Fahrten im Sommer und Spätsommer kräftig die Werbetrommeln gerührt.

Jetzt endlich war es so weit: Wir freuten uns auf ein Wochenende in Kiel, auf Grillabende an der Förde, Ruderausflüge nach Surendorf und Zelten an der Ostsee. Sonntag sollte es dann wieder zurück zur Basis gehen, also zur Rudergesellschaft Germania, die uns freundlicherweise ihre Boote zur Verfügung gestellt hatten.

Für alle historisch Interessierten:  Die 1882 gegründete Rudergesellschaft Germania e.V. ist ein Verein mit langer Geschichte und zählt heute rund 300 Mitglieder. Gegründet wurde sie im Sommer 1882, kurz vor der ersten Kieler Woche. Damals, vor 140 Jahren, haben sich sieben Ingenieure und Kaufleute zur Bootsmannschaft „Criemhild“ zusammengeschlossen, aus der dann 1893 die Rudergesellschaft Germania (RGK) hervorging. Auch bemerkenswert: 1928 wurde eine Frauenabteilung gegründet und damit das Frauenrudern früh in Kiel etabliert.

Heute liegt das große Bootshaus mit drei Bootshallen direkt an der Kiellinie und beherbergt 50 vereinseigene Boote sowie eine eigene Fitnesshalle. In Blicknähe liegt der Kreuzfahrtterminal, wo wieder die Schiffe von AIDA und TUI Cruises nach Göteborg und Oslo ablegen – eine durchaus beeindruckende Kulisse.

Am Donnerstagabend reiste die kleine HANSA-Gruppe aus Hamburg an und traf sich auf dem weitläufigen Vereinsgelände hinter dem Bootshaus. Die Vorfreude war groß, alle wollten endlich mal wieder aufs Wasser raus. Nach einem lauschigen Grillabend suchte jeder einen passenden Schlafplatz im Vereinshaus, denn es sollte am Freitag früh losgehen.

Direkt nach dem Frühstück erklärte Olaf die Route, gab der Gruppe Anweisungen und schaute, dass alle ihre Rettungswesten auch wirklich dabei hatten. Dann wurden die beiden breiten, seefähigen Wanderboote aus der Halle zum Steg gebracht. Wie immer wurde das Gepäck zunächst aufgereiht, alles musste ja ordentlich verstaut werden. Und wie immer schien es wie ein kleines Wunder, dass wir tatsächlich alles mitnehmen konnten. Schaut man sich die Taschen, Zelte und wasserfesten Beutel am Steg an, könnte man meinen, hier legte eine dreiwöchige Expeditionsfahrt ab.

Dann ging es ab nach Surendorf, eine Strecke von etwa 30 Kilometern. Die Sonne brannte schon, doch es tat unglaublich gut, das gewohnte Klacken der Skulls zu hören, das Boot sowie den Wind und die Wellen zu spüren. Hach, was haben wir das vermisst!

Am Anfang fühlte sich das Rudern in den schweren Gigbooten etwas ungewohnt an, schließlich durften wir pandemiebedingt monatelang nicht aufs Wasser, allenfalls im Skiff. Aber erstaunlich schnell haben wir uns wieder an alles gewöhnt, an die Blasen an den Händen, an den Po, der nach einiger Zeit schmerzt und an die kleinen Pausen auf dem Wasser, die wir zum Trinken und zum Eincremen nutzen. Trotzdem war es für einige Teilnehmer durchaus eine Strapaze, denn hier und da hatte sich schon ein kleiner Corona-Bauch gebildet.

Rudern auf der Förde klappt gut, wenn der Wind mitspielt und es wenig Wellen gibt. So war es am Freitag, als wir hinter dem grünweißen Leuchtturm von Bülk den Zeltplatz Gröhnwold an der Eckernförder Bucht ansteuerten. Olaf hatte berichtet, dass die Zeltplätze restlos ausgebucht waren. Schleswig-Holstein hatte früh aufgemacht und viele Touristen und Gäste gelockt, so war es keine Überraschung, wie voll und belegt alles war.

Planung ist alles: Olaf bei der Einweisung vor Beginn.
Bestes Sonnenwetter beim Ablegen in Kiel. Im Hintergrund die großen Kreuzfahrtschiffe.
Volle Campingplätze überall an der Kieler Bucht.
Zufrieden mit dem ersten Rudertag zeigen sich Olaf, Martin und Claudia.
Bei aufkommenden Wind kann es durchaus wellig werden.
Belohnung auf der Fahrt: Farbenspiele am Abendhimmel zeigen die große Weite des Nordens.
Die Boote sind sicher am Strand abgelegt.

Die Boote wurden unter den neugierigen Blicken der Strandbesucher angelandet und gut gesichert. Dann stellten wir ruck-zuck die Zelte auf und wir vertilgten die ersten kühlen Biere – na gut, halbwarme Biere. Mit einem traumhaften Blick auf die Weite der Bucht ging der erste Tag zu Ende. Am Himmel ging die Sonne in Zeitlupe unter, und die wenigen Wolken wirkten wie kleine Wattebäusche, die sich immer wieder neu formten. Erschöpft, aber glücklich ging es nach dem Abendessen ins Zelt zur Nacht.

Unsere Tour am nächsten Tag ging zum Hauptstrand in Eckernförde. Olaf hatte mit Martin einen Kieler Ruderkollegen aufgenommen, der sich mit der Strecke und vor allem mit der Strömung und den Wetterbedingungen auskannte. Das war gut, denn im Laufe des Tages nahm der Wind ordentlich zu, die Wellen wurden höher, das Rudern schwerer. Eine Teilnehmerin war das dann zu viel und wurde richtig seekrank. Angekommen am Strand, lag sie dann da, ganz grün im Gesicht und wurde von uns allen aufrichtig bedauert. Wer wollte jetzt Pommes haben?

Zurück ging es ohne sie, also in einem Boot ohne Steuermann. Und wir können froh sein, dass Olaf erfahren genug ist, Boot und Mannschaft nur mit Ruderbefehlen zu lenken. Wieder wohlbehalten in Gröhnwold angekommen, bereiteten wir das Abendessen vor. Auch hier zeigte sich Olaf als Meister der Improvisation, der eine schmackhafte Mahlzeit für zehn Leute mit einem Topf und einfachem Gaskocher zaubern konnte. Danach gingen wir wieder zum Strand, wo wir das Farbenspiel der Natur genossen und einen Absacker zu uns nahmen. Das Besondere an diesen beiden Tagen war, dass wir Corona und alles, was damit zusammenhängt, ganz vergessen konnten. Es war so wie früher – und dennoch ein etwas eigenartiges Gefühl.

Der Rest der Fahrt ist schnell zusammengefasst: Am letzten Tag ging es zurück nach Kiel, wo wir am Nachmittag wohlbehalten bei der Rudergesellschaft ankamen. Das Gepäck wurde ausgeladen, die Boote gereinigt und in die Halle gebracht, und zum Schluss gab es das obligatorische Nudelessen mit einem Schlag Pesto. Das Leben kann tatsächlich ganz einfach sein. Satt und zufrieden machten wir uns wieder auf dem Heimweg nach Hamburg, den Kopf voller Erinnerungen, das Herz frisch mit Rudergefühlen aufgetankt. Wo geht die nächste Fahrt nochmal hin, auf die Schlei?

Vorbereiten zum Ablegen am Steinstrand.
Abendesssen in der Gruppe am Zeltplatz.
Gute Stimmung, gutes Wetter, nette Leute.
Berühmt und immer gefragt: Olaf mit seinen Rühreiern und Speck.

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