Wir nehmen Abschied von Anja Strohm

„An diesem Morgen wache ich auf, die Sonne scheint durch das Herbstlaub der Bäume, ein sanfter Wind bringt alles zum wiegen, still ist es draußen. So beginnt der erste Tag ohne dich.“

In den frühen Stunden des Montag ist meine geliebte Anja aus dem Leben geschieden. Sie lag seit einer Woche im Hospiz und wurde so gut wie möglich versorgt, der Kampf gegen den Krebs hatte sie aber schon verloren. Jetzt ist sie erlöst worden, zum Ende hatte sie viele Schmerzen. Sie ist am 2. November 53 Jahre alt geworden, eine junge, lebenslustige Frau in der Blüte ihres Lebens.

Was im März mit einer vermeintlichen Migräne anfing, führte zur Diagnose Krebs mit sehr schneller und aggressiver Ausbreitung. Die Erfolgsaussichten waren gleich null. In diesen Monaten und Wochen trafen wir die Vereinbarung nicht über die Krankheit zu reden, sondern uns über alle kleine und große Dinge zu freuen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Ich hatte sie 2017 zur HANSA gelotst, das Rudern fiel ihr leicht, es gibt wenige Menschen, die als Quereinsteiger so im Boot sitzen, als ob das schon immer so gewesen wäre.

Anja war ein ganz besonderer Mensch, der die Herzen der Menschen mühelos gewann. Sie betrat einen Raum, und die Sonne ging auf. Sie war immer zurückhaltend, bescheiden, ein stiller und kluger Beobachter. Nie hat sie über andere gewertet, ihre größte Gabe war ihre Empathie. Sie konnte gut zuhören und ihr Mitgefühl für die Nöte der anderen war groß. Bei vielen im Verein die sie kannten, war sie sehr beliebt. Regelmäßig kam sie montags und donnerstags zum Training. Wanderfahrten entdeckte sie schnell, zu der ersten nach Hanskalbsand musste ich sie noch überreden. Danach hat Anja mit Bedacht große und außergwöhnliche Fahrten ausgesucht, so zum Beispiel eine sommerliche und unvergessene Fahrt auf der polnischen Warthe mit Hans-Heinrich Busse. Die Vogalonga machte sie auch mit, eine wunderbare Moseltour in 2019 und später im gleichen Jahr eine einzigartige Fahrt nach Irland.

Anja stammt aus Rottweil, ist also ein echtes Schwarzwaldmädel. Seit drei Jahrzehnten lebte sie im hohen Norden. Anja genoss die Weite der Natur, den Ruf der Wildvögel, die Klopfgeräusche des Spechts und den nächtlichen Ruf des Uhus. Sie hatte Philosophie und Journalistik studiert und wurde 2015 zur Leiterin der SCHÖNER WOHNEN Online-Redaktion am Baumwall berufen. Als Journalistin konnte sie geschliffen formulieren, ungewöhnlich und ergreifend. Bekannt wurde sie durch lange Bildreportagen und kluge Interviews. Bei Kollegen war sie wegen ihres Mitgefühls und ihrer Grad­li­nig­keit geschätzt. 2017 zog sie von Aumühle nach Hamburg und schuf sich ein eigenes Refugium im Iseviertel, wo sie näher am Job war und auch näher an der Alster fürs geliebte Rudern.

Immer mit der Kamera unterwegs, sind hunderte Bilder entstanden, die mir als großer Schatz geblieben sind. Wir kennen uns seit 12 Jahren. Ich habe ihr meine Heimat Südafrika gezeigt, von zwei langen Reisen ans Westkap haben wir unvergessliche Erinnerungen mitgenommen. Sie liebte Elefanten, die sanften Giganten in freier Wildbahn, und ich kann mich daran erinnern, wir wir staunend zuschauten, wie ein Herde über Kilometer ein Wasserloch witterte und im Staub der Halbsteppe auf das begehrte Nass zugaloppierte, sodass der Boden bebte.

In den letzten Monaten hatte sich ihr Ehemann Jörg um alles gekümmert, coronabedingt gab es erhebliche Einschränkungen. Anja hinterlässt ihren Ehemann Jörg, ihre Eltern in Rottweil, ihren Bruder Bernd samt Familie, zwei Tanten und einen Onkel sowie ihren geliebten Katerle Peppone bei Jörg. Ihr Wunsch war eine Baumbestattung im Ewigforst des Saschsenwald.

Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich. (Dietrich Bonhoeffer)

Glückliche Zeiten auf der Moseltour im Sommer 2019
Anja in Venedig 2017, sie liebte ihr Muranoglas-Amulett
Aufwärmen mit Gerhard im Pub nach einem irischen Regenguss 2019.

2 Replies to "Wir nehmen Abschied von Anja Strohm"

  • Hans-Heinrich
    11. Dezember 2020 (17:54)
    Reply

    Lieber Jean-Marc,
    vielen Dank fuer diesen eindrucksvollen , liebevoll formulierten Text ueber Anja, unsere aussergewoehnliche Ruderkameradin.
    mit freundlichem Gruss, Vida und Hans-Heinrich Busse

  • Frank Löwenbrück
    31. Dezember 2020 (15:17)
    Reply

    Sie war meine erste große Liebe.
    Wir sind uns mehr als 30 Jahre nicht mehr begegnet.
    Aber die Erinnerung an die allererste richtig große Liebe ist nie verblasst.
    Es gab immer wieder Momente in der ganzen langen Zeit, in denen ich
    zärtlich und mit einem nicht mitgealterten Gefühl der Verbundenheit
    und Vertrautheit an Anja gedacht habe. An das Mädchen, das das Leben
    und die Menschen so zu lieben schien, wie ich es bis anhin nicht erlebt
    und was mich so sehr an ihr fasziniert hatte. Sie traf mich mitten ins Herz
    und ist daraus nie mehr ganz gegangen.
    Sie ist ein bedeutsamer, nicht wegzudenkender Teil meines Lebens.
    Nun, von ihrem so frühen Tod gänzlich überrascht, bin ich wie vom Blitz
    getroffen und im Innersten erschüttert und unendlich traurig.
    Ich weiß, dass Anja bei den Menschen, die sie persönlich kennen durften,
    eine große Lücke hinterläßt und sie sehr fehlen wird.
    In gewisser Art und Weise hat sie mir seit damals, als unsere Beziehung endete,
    immer schon gefehlt. Aber dieser endgültige Abschied fühlt sich grausam
    und falsch an und geht mir so nah. Mit Anjas Tod ist auch in mir etwas
    zerbrochen. Aber das unbeschreibliche Gefühl unserer gemeinsamen ersten
    großen Liebe wird nie vergehen.
    Danke, dass ich Dich lieben durfte und Du mir Deine Liebe geschenkt hast.
    Ich werde immer an Dich denken, Anja.

    Mein tiefstes Mitgefühl gilt auch ihren Eltern Gretel und Karl-Heinz, die für mich
    ob ihrer lockeren, aber liebevollen Art auch etwas Besonderes waren und all jenen,
    die Anja nun schmerzlich vermissen.

    Danke an den Verfasser dieses gefühl- und liebevollen Nachrufs, der es mir ermöglicht hat,
    Anja, die ich so lange nicht mehr gesehen hatte, nochmal ein wenig nahe zu kommen und an
    ihrem Lebensweg ein bißchen teilhaben zu dürfen.
    Über Umwege habe ich überhaupt erst von Anjas Tod und diesem Abschied hier auf der Seite
    erfahren. Ich hoffe, es erscheint nicht unpassend, dass ich hier gänzlich Fremder meinen
    persönlichen Gefühlen Ausdruck gebe. Ich hatte aber direkt das starke Verlangen, das zu tun und hätte nun auch nicht gewußt, wo ich das sonst hätte tun können.
    Auch Ihnen, Herr Göttert, gilt mein Mitgefühl und ich freue mich für Sie, dass Sie viele schöne
    Erinnerungen an diesen besonderen Menschen Anja Strohm in sich tragen, die Ihnen dieser
    schmerzvolle Abschied nicht nehmen kann.

    Liebe Grüße aus dem Schwarzwald
    Frank Löwenbrück


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