Von der Sonne geküsst: eine Wanderfahrt auf der Elbe

Von der Sonne geküsst: eine Wanderfahrt auf der Elbe – von Doppelreihern, Sternschnuppenentjungferungen, Steuergeschichten und mehr


Text & Fotos: Kerstin Lindae


Was gibt es Schöneres im Sommer als eine Ruderwanderfahrt? Die Elbe sollte es sein und zwar von Déčín bis nach Hause, zum HANSA-Steg für das Team, bestehend aus Susanne, Inken, Antonia und Kerstin von der RG HANSA und Anni vom RC Bergedorf vom 06.-16.08..

Beim Planungstreffen hatte Susanne sich schon viele Gedanken über die Strecke, Einkaufsmöglichkeiten, Übernachtungsoptionen und Wasserstand gemacht. Es wurden Packlisten geschrieben, Aufgaben verteilt und darauf geachtet, wirklich nur das Nötigste mitzunehmen. Antonia hatte grandiose One-Pott-Gerichte herausgesucht, Inken und Anni konnten 3-Frau-Zelte beisteuern, Kerstin hatte Camping-Kocher und -geschirr parat.

Sehr dankbar waren wir für den Support von Adrian, der uns beim Vorbereiten des Bootes unterstützt habt: Rollschienen und Rollsitze überprüfen und reparieren.

Am 06.08. um 6 Uhr trafen wir uns an der HANSA. Ein riesiges Dankschön geht an Ingo, der uns das Boot zum Startpunkt nach Dečìn getrailert und Bus und Hänger auch zurückgefahren hat. In Dečín angekommen, wurden letzte Vorbereitungen getroffen: Boot riggern, Einkaufen, Mittagessen für den nächsten Tag kochen, Zöpfe flechten.

Am nächsten Morgen ging es dann endlich los. Erst einmal das Boot beladen – puh passt alles rein. Dann mit den netten Radebeuler RuderInnen, die wir vor Ort getroffen haben, Betten für abends klarmachen. Aber was war mit der Elbe los? Diese führte nur sehr wenig Wasser und hatte somit kaum Strömung.

Landschaftlich ist der Teil durch die Sächsische Schweiz sehr reizvoll. Wir ruderten an der Festung Königstein und der Bastei vorbei und wurden von fröhlichen Paddlern direkt gefragt, ob wir nach Hause rudern? Diese kamen aus Harburg und waren begeistert von unserem Vorhaben. Es ging weiter durch Pirna und Dresden und dann endete der erste Tag nach 75 km beim Ruderverein Radebeul.

Hier wurden Vorräte aufgefüllt, Einteiler durchgewaschen und vorm Baden in der Elbe gewarnt. Letzteres führte zu einer Planänderung, denn ursprünglich wollten wir hauptsächlich wild campen.

Beim Abendessen lernten wir zwei sehr nette Kanutinnen aus Berlin kennen, Christine und Daniela. Die beiden verabschiedeten uns am nächsten Morgen und halfen das Boot zu Wasser zu lassen.

Wenn man im selben Boot sitzt, kommt es unweigerlich zu Erlebnissen und Besonderheiten, die nachher nicht mehr erklärbar sind: jeder Reiher wurde begeistert erwähnt und löste ein Echo im Boot aus: Reiher – Reiher – Reiher – Reiher. Es gibt auch Doppelreiher und Dreireiher.

Mittagspausen wurden halbsitzend, halbliegend im Boot abgehalten. Nach dem Mittagessen gab es Musik im Boot – möglichst welche, bei der Inken und Anni ihre Textsicherheit unter Beweis stellen konnten.

Vorbei an viel Landschaft schlugen wir nach weiteren 75 km uns unsere Zelte in der Nähe von Döbritz auf einem kleinen Sandstrand auf.

09.08. ging es weiter nach Wittenberg. Aufgrund des niedrigen Wasserstandes nahm der Bootsverkehr immer weiter ab und wir waren lange Strecken alleine auf dem Wasser.

Inken brachte uns bei, wie man Äpfel ohne Werkzeug teilt und als Steuerfrau wurden neue Kompetenzen hinzugefügt: aggressives Winken und das Erfinden von Steuergeschichten. So hörten wir vom Igel Bettina und die Riesen Olaf und Ørnulf, dem vegetarischen Reiher Manfred, den Eisfrauen und -Männern Isrim, Isgard, Irsela, der Möwe Manuel mit der Fischunverträglichkeit, dem reiselustigen

Grauhaardackel Marie und der Bootshauskatze Susi (und wir hatten doch tatsächlich angenommen, die Dollen quietschen). Ziel war nach 68 km der Ruderverein in der Lutherstadt. Nach Duschen, Wäschewaschen und Kochen begab sich ein Teil des Teams auf die Suche nach Eis. Immer für ein Geblödel zu haben, wurde aber erst mal auf Enten geritten… Bei einem italienischen Restaurant sind wir fündig geworden und gönnten uns zwei Kugeln Eis mit der Erkenntnis, die lindern den Po-Schmerz! In der Fußgängerzone entdeckten wir eine weitere Eisdiele – naja da musste noch mal getestet werden, ob das Eis auch eine positive Wirkung entfaltet. Uups das zweite Eis war noch nicht ganz aufgegessen, gab es noch ein drittes Eis – wer weiß, wann es das nächste gibt. Die Thesentür haben wir dann tatsächlich auch noch gesehen.

Am 10.8. ging es auf die nächsten 63 km zum Kanuclub Köthen in Aken. Unser Gäste-bucheintrag fasst den Tag zusammen:


Trotz Gegenwind und Wellengang

der Köthener Kanu-Club nahm uns herzlich in Empfang.

Oma Inge wies uns gleich ein

ins Akener Camper-Dasein.

Der Ruderinnen geflochtene Zöpfe,

des Papageis Kira fröhliches Gehüpfe –

Ein Klönschnack hier, ein paar Sprüche da und ein Sonnenuntergang ganz wunderbar.

Vielen Dank für die Gastfreundschaft

sagt die Hamburger Rudermannschaft.


Mit einer eher kurzen Ruderstrecke von 46 km ging es am 11.8. zum Magdeburger Drachenbootverein. Das Anlanden war etwas speziell – es konnte aufgrund von Wassermangel nur noch gepaddelt werden.

„Halbzeit – 332 km sind abgerudert. Die Sonne küsst uns und führt zu rekordverdächtigen Sonnencremeverbrauch, wir trotzen Gegenwind und Wellen und rudern mit liebevoller Aggression dagegen an, das Essen ist grandios und Eis lindert den Po-Schmerz, als Steuerfrau erwirbt man Zusatzkompetenzen im Geschichtenerzählen und Winken, Zöpfe haben sich als Teamfrisur bewährt, ein Doppelreiher hat eine neue Bedeutung, Äpfel werden messerfrei halbiert… „

Schön war der Ausflug nach Magdeburg zum Hundertwasserhaus und einem großen Eis.

Um der Hitze ein wenig zu entgehen, wurde ab diesem Tag die Aufstehzeit von 6 auf 5.30 Uhr verlegt, so dass wir bis zur Mittagspause dann schon 40-50 km zurückgelegt hatten. Nachdem das im Schlick parkende Boot durch eine einzelne kletternde Anni beladen wurde und dann nach und nach einzeln eingestiegen und das Boot rausgeschoben wurde, schafften wir es paddelnd auf die Elbe und ruderten am 12.8. zum nächsten Schlickhafen nach Tangermünde.

Schlick anlegen und ablegen können wir jetzt.

Die beiden hilfsbereiten Kindertrainer nahmen kurzerhand den Gigvierer über Kopf und trugen das Boot zu zweit den Steg hoch – faszinierend. Zum einen ist Tangermünde ein hübsches Städtchen, zum anderen haben wir das Naturschauspiel der Sonnenfinsternis genossen mit unkomplizierten Begegnungen mit Matze und anderen Sonnenanbetern. Nachts lagen wir auf der Wiese und wohnten genießerisch einer Sternschnuppenentjungferung bei (tatsächlich hatten Inken und Kerstin vorher noch nie Sternschnuppen gesehen).

Von Tangermünde fuhren wir weitere 67 km nach Wittenberge. Alle Teammitglieder zeigten nach und nach ihre Spezialkompetenzen:

Antonia – verantwortlich für Befriedigung des kulinarischen Appetits und Einhaltung der Niveauflexibilität, qualifizierte Drogendealerin (Kalzium – es geht um Kalzium)

Susanne – weises Wetterorakel, Winddomteurin, Navigatorin und Stegbierversorgerin

Inken – verantwortlich für die Verflechtung von Teamfrisuren und kreativem Unterhaltungsprogramm im Boot zum Hochhalten der Motivation, qualifizierte Bootsfesthalterin, DJ Schiebewind

Anni – Kommunikationsbeauftragte für die Klarmachung von Wellness- und Schlafopportunitäten und Musikbeauftragte, qualifizierte Bootspackerin

Kerstin – verantwortlich für Romantic Views und Aufstockung der Telefonnummersammlung, Effizienzbeauftragte

Das gemeine an Wittenberge ist, wenn man die Hafeneinfahrt gefunden hat, muss man noch mal unerwartete 4 km bis zum Ruderverein rudern.

Am 14.8. wurde der nicht-dehnbare Begriff der Elbengen geprägt – wenn man als Steuerfrau weder nach Back, noch nach Steu ausweichen kann, weil die Sandbänke kuscheln. Ab Dömitz konnte man die Elbe zu Fuß überqueren – Kompetenzerweiterung Sandbankslalom steuern. Vorbei an Hitzacker legten wir an dem Tag 80 km zurück und verbrachten die Nacht an einem kleinen Strand. Dort konnten wir Biber beobachten und dem etwas eintönigen Schafkonzert lauschen.

Am nächsten Tag nahm nicht nur der Wasserstand zu, sondern auch Wind und Welle. Mit einer kleinen netten Kaffeepause beim Ruderclub Lauenburg kamen wir nach nur 53km in Geesthacht an. Dort haben wir uns am letzten gemeinsamen Abend einen Restaurantbesuch gegönnt und noch sehr intensiv geklönt.

Der letzte Tag begann mit einem Geburtstagsständchen für Inken. Unseren letzten Streckenabschnitt starteten wir mit der Schleusung in Geesthacht, vorbei an der Bunthäuser Spitze, als Touristenattraktion durch den Zollkanal, die Schaartorschleuse und Rathausschleuse, dann eine kleine Fontänendusche auf der Binnenalster und zum Schluss legten wir einen Endspurt auf der Außenalster hin. Am 16.8. sind wir gutgelaunt nach nur 43 km am Steg der RG HANSA angekommen und wurden von Adrian, Ingo, Michael, Christian herzlich in Empfang genommen und mit Stegbier und selbstgebackenen Kuchen versorgt.

Die Reise bot viele neue Erfahrungen, Seeadlern hier, Kranichen da, viel Geblödel und Deep Talk, Ruhe und Ausgelassenheit.

Und wir haben es geschafft: 640 km in 9 Tagen. Schön war’s und ein bissel stolz sind wir auch.


Nachtrag:

  • Mit einer Länge von 1094,26 km ist die Elbe der zwölftlängste Fluss in Europa und gehört zu den 100 längsten Flüssen der Erde.
  • es wurde 1 Liter Sonnencreme verbraucht
  • schnelle Kekse gehen immer
  • Sonntagabend wurde schon das gemeinsame Zeltaufbauen und Kochen vermisst
  • um 20 Uhr wollte die gesamte Crew am liebsten wieder losfahren

1 Reply to "Von der Sonne geküsst: eine Wanderfahrt auf der Elbe"

  • Hans-Heinrich Busse
    31. August 2026 (21:27)
    Reply

    Liebe Elbe-Ruderinnen,
    Vor gut einem Jahr war ich im RC Wittenberg, traf mich mit Vida und Arunas aus Klaipeda, die Boote für Odessa abholten.
    Beim Anblick der ruhig dahinströmenden Elbe kam der Gedanke, hier einmal bei einer Wanderfahrt zu rudern wäre doch toll. Bei Dresden, Meissen und bei Boizenburg kannten wir den Fluss schon. Euer toller Fahrtenbericht könnte ein Auslöser sein. Es liest sich einfach fantastisch. Eine bravuröse Leistung, meint Hans-Heinrich


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