Rudern in Gambia

Ein Aushang am Infobrett der RG HANSA machte mich auf eine außergewöhnliche Rudertour
aufmerksam: Rudern in Gambia. Die Idee, in einem westafrikanischen Land zu rudern, klang
ebenso ungewöhnlich wie spannend.

Ein Reisebericht von Christine Reinert


Gambia liegt an der Westküste Afrikas und ist mit rund 2,5 Millionen Einwohnern das kleinste und zugleich eines der ärmsten Länder des Kontinents. Es ist etwa so groß wie Schleswig-Holstein, besitzt kaum Bodenschätze und ist wirtschaftlich stark auf Importe angewiesen. Amtssprache ist Englisch, daneben existieren zahlreiche Stammessprachen. Die Bevölkerung ist überwiegend muslimisch, lebt jedoch in friedlicher Koexistenz mit Christen und anderen Glaubensrichtungen. Hauptstadt ist Banjul, während Serekunda als wirtschaftliches Zentrum gilt. Das Land wird an drei Seiten vom Senegal umschlossen, die vierte Grenze bildet der Atlantik.

Initiiert wird diese besondere Ruderreise von Karin Bößenroth, einer äußerst engagierten Ruderin aus Berlin, die die Tour inzwischen bereits zum neunten Mal organisiert. Vor 35 Jahren entdeckte sie Gambia zufällig als Reiseziel – das Land und vor allem seine Menschen ließen sie nicht mehr los. Bei einer ihrer Reisen lernte sie den damals 15-jährigen Modou
kennen. Aus dieser Begegnung entwickelte sich im Laufe der Jahre eine tiefe Freundschaft, die schließlich auch seine Familie einschloss. Als Karin von ihrer Leidenschaft fürs Rudern erzählte, entstand irgendwann die Idee, diesen Sport auch nach Gambia zu bringen.

Gemeinsam machten sich Karin und Modou auf die Suche nach geeigneten Gewässern. Der große Gambia River erwies sich wegen seiner starken Strömung als ungeeignet, doch kleinere Neben-flüsse boten ideale Bedingungen. Nach der Auswahl passender Unterkünfte und Anlegestellen fehlten nur noch die Boote. Karin gelang es, alte Klinker-Doppelvierer samt Zubehör aus Deutschland, per Container nach Gambia zu bringen. Heute stehen vier Boote zur Verfügung, die vor jeder Reise von einer erfahrenen gambischen Crew sorgfältig
überholt werden. Diese Crew begleitet die Ruder-gruppe während der gesamten Tour, sorgt für die Logistik und fährt parallel ein motorisiertes Begleitboot.

Unsere Gruppe bestand aus zwölf Ruderern sowie Karin und einer Begleitperson (meinem Mann). Die Anreise erfolgte über Barcelona nach Banjul. Bereits bei der Ankunft empfing uns die feuchte Hitze Afrikas, ebenso herzlich wie Karins Crew, die uns mit selbstgemachten Snacks und kühlem Hibiskussaft begrüßte. Die erste Unterkunft lag in Kololi, wo wir wegen der noch ruhigen Saison die einzigen Gäste im Hotel waren. Schon am nächsten Tag tauchten wir tief in das gambische Leben ein. Der Besuch des großen Fischmarkts in Tanjie bot eindrucksvolle Bilder von bunt bemalten Fischerbooten und einer
überwältigenden Vielfalt an Fischarten.
Kurz darauf stand die erste Ruderetappe an: Nach dem Tragen der Boote durch schlammiges Gelände – ein Überbleibsel der Regenzeit – glitten wir auf einem ruhigen Fluss dahin, die Ufer von Mangroven gesäumt, begleitet von Pelikanen, Reihern und sogar einem Krokodil am Ufer. Das ruhige Wasser, die fremdartige Landschaft und die Hitze machten diese erste Etappe zu einem unvergesslichen Erlebnis.
In den folgenden Tagen wechselten sich Ruder-touren mit kulturellen Eindrücken ab. In Banjul bestiegen wir den Arch 22 und besuchten ein Museum, das eindrucksvoll die Schrecken der Kolonialzeit und der Sklaverei dokumentierte – ein sehr bewegender Moment.
Auf weiteren Etappen ruderten wir auf dem Lamin Bolong und anderen Flussarmen, vorbei an Mangroven, kleinen Siedlungen und Frauen, die Austern von den Luftwurzeln der Mangroven ernteten. Immer wieder wurden wir von der Tierwelt begleitet, von Vögeln bis hin zu Affen, die uns in manchen Lodges sogar recht aufdringlich begegneten.
Die Unterkünfte entlang der Route waren ebenso vielfältig wie die Landschaften: kleine Lodges inmitten üppiger Gärten, Stelzenhäuser direkt am Wasser oder einfache, aber stimmungsvolle Anlagen fernab jeder Hektik. Abends saßen wir oft gemeinsam zusammen, genossen landestypisches Essen und ließen die Erlebnisse des Tages Revue passieren.
Besonders eindrucksvoll war ein Abend am Lagerfeuer, bei dem gambische Trommler mit
ihrer Musik für eine ausgelassene und zugleich sehr verbindende Atmosphäre sorgten.
Die längsten Ruderstrecken verlangten uns bei großer Hitze einiges ab, doch die Ruhe der Flüsse, die Weite der Landschaft und die besondere Stimmung entschädigten uns für jede
Anstrengung. Insgesamt legten wir während der Reise rund 100 Kilometer im Boot zurück. Ein besonders schöner Abschluss am letzten Rudertag war eine frühe Ausfahrt im dichten Morgennebel – mystisch, still und von großer Intensität.
Nach dem Ende der eigentlichen Ruderreise folgte ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm. Wir besuchten einen Monkeypark mit frei laufenden Affen, einen Krokodil Pool, erkundeten Kunsthand-werksmärkte und übergaben Spenden an ein
Krankenhaus und eine Schule. Gerade diese Besuche machten die sozialen Herausforderungen des Landes deutlich, zeigten aber auch die große Dankbarkeit und Offenheit der Menschen. Besonders beeindruckend war das selbstver-ständliche und friedliche Miteinander unterschiedlicher Religionen im Schulalltag.

Den Abschluss bildete ein gemeinsamer Abschieds-abend direkt am Atlantik, begleitet von Trommel-musik, gutem Essen und vielen Gesprächen. Rückblickend bleibt die Erinnerung an eine außergewöhnlich harmonische Gruppe, intensive Naturerlebnisse und tiefe Einblicke in ein faszinierendes Land. Diese Reise war weit mehr als eine sportliche Herausforderung – sie war eine kulturelle und menschliche Bereicherung, die ich uneingeschränkt empfehlen kann.


Kontakt für Rudern in Gambia: gambia57@gmx.de






4 Replies to "Rudern in Gambia"

  • Hans-Heinrich Busse
    18. Januar 2026 (20:54)
    Reply

    Liebe Christine,
    dieser Bericht liest sich so interessant, dass man gerne da mitrudern möchte. Aber Hitze ist nicht so mein Ding.
    Gut, dass ihr so eine harmonische Gruppe hattet und so eine erfahrene Fahrtenleiterin aus Berlin. Tolle Tour.
    Adrian und Du hattet Mut für diese Unternehmung. Kompliment.

    • Christine Reinert
      25. Januar 2026 (15:58)
      Reply

      Danke, lieber Hans-Heinrich, für Deinen Kommentar. Das bedeutet mir sehr viel!
      Herzliche Umarmung
      Christine

  • Jürgen Schröder
    19. Januar 2026 (18:59)
    Reply

    Hallo Christine,
    als sehr alter Wanderruderer, der 47 Himmelfahrtswanderfahrten
    allerdings nur in Deutschland und umliegenden Ländern organisiert
    hat, habe ich für deine Fahrt und den hervorragenden Bericht darüber
    äußerste Hochachtung. Ich wünsche dir viele weitere schöne Fahrten
    und kann dir nur wärmstens die von Hans-Heinrich und seiner Frau
    Vida veranstalteten empfehlen.
    Jürgen Schröder

    • Christine Reinert
      25. Januar 2026 (15:55)
      Reply

      Hallo Jürgen, vielen lieben Dank für Dein nettes Feedback!
      Es gibt kaum eine Wanderfahrt von Hans-Heinrich und Vida, an der ich noch nicht teilgenommen habe, einige sogar mehrfach!
      Sie sind ein tolles Paar und die Touren mit ihnen immer wieder ein schönes Erlebnis!
      Liebe Grüße von Christine


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